Höhenflüge an der Ostsee

Winter an der Ostsee: Tief steht die Sonne und taucht das Meer in schönes Licht, am Strand flanieren die Spaziergänger und geniessen die winterlich-kalte Luft. Spaziergänge machen bekanntlich hungrig, und solcher lässt sich im Restaurant Belle Epoque in Travemünde (3 Michelin Sterne, 17 Gault Millau Punkte)mehr als vorzüglich stillen.

(Bericht publiziert im Januar 2012. Das Restaurant erhielt im Nov. 2012 den dritten Michelin Stern.)

 Das Belle Epoque ist das Gourmet Restaurant des Hotel Columbia in Travemünde; hoch dekoriert unter anderem mit 2 Michelin Sternen und 17 Gault Millau Punkten; Kevin Fehling wurde von Gusto zum Koch des Jahres 2012 ausgezeichnet.

Und so nutzen wir unseren Besuch an der Ostsee, um zu ergründen, ob man nach winterlichen Spaziergängen im Belle Epoque nicht nur satt, sondern auch begeistert wird.

Die ersten Eindrücke beim Betreten des Restaurants:

  • Puristisches Design: Z.B. auch ein fast leerer Tisch nur mit Serviette und ohne Besteck
  • Schade, dass es im Winter so früh dunkel wird. Der Ausblick auf den Sonnenuntergang in der Ostsee muss toll sein, auch ihn bei warmen Temperaturen auf der Terrasse zu geniessen ist sicher ein Erlebnis. Kurz nach Weinachten jedoch nur Dunkelheit
  • In den Details wirkt das Restaurant weniger beeindrucken als das Bild am Website; so z.B. der Raumteiler (?) aus Tüchern am hinteren Ende des Restaurants
  • Das Publikum zu dieser Jahreszeit eher älter und konservativ
  • Hunde sind vermutlich nicht erlaubt im Restaurant
  • An einem der Tische ein ehemalige Rockstar und jetzige Restaurantkritiker (seine Schlussfolgerungen unter dem Titel „Die Rückkehr der Ente“ hier)
  • Eine gewisse Nervosität im Service schien erkennbar
  • Unter dem Tisch des Restaurantkritikers der Hund
  • Vermutlich ist dies der Hund, welcher in Deutschland oder gar weltweit schon die meisten Michelin Star Restaurants besucht hat. Kann dies jemand bestätigen?

Unser Dinner im Restaurant Belle Epoque in Travemünde

Schon bald startete die Küche mit dem ersten von insgesamt 5 Grüssen aus der Küche. Die Karte wurde uns gebracht, und wir entschieden uns für das 9-gängige Menü mit Weinbegleitung. Und genossen wie folgt:

0. Grüsse aus der Küche

0.a Macarons

Als erster Gruss aus der Küche erreichten uns zwei Macarons, einer mit einer Art Tomatengaspazio, einer mit Boulabaisse; beides in Geleeform. Ansprechende Gelees, die Süsse des Macarons erschien uns für die pikanten Aromen der Gelees ein wenig zu ausgeprägt.

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0.b Bauernfruehstuck

Eine moderne Interpretation eines Bauernfrühstücks, angerichtet in einer Eierschale. Unten ein kühler temperierter flüssiger Eidotter, daurauf Katoffelschaum, Tomatensauce und kleine Kartoffelwürfelchen. Wir empfanden diesen Gang als recht rustikal, die Kartoffelstückchen vielleicht über das Ziel hinaus in Fett herausgebraten und schon etwas zäh, der Eidotter andererseits eine schöne die verschiedenen Elemente verbindende Basis.

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0.c Dreierlei von der Auster

In einem Glas befand sich Auster in drei Zubereitungsvarianten, einmal roh, einmal frittiert und einmal pochiert. Dazu Granny Smith Eis und eine Limonencreme. Tolle Kombination, die Aromen von der Limone und dem Apfel unterstützen die Auster und machen daraus ein lebendiges, frisches Gericht, welches den Geschmack des Meeres in den Mund bringt.

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0.d Rote Beete

Eine Rolle von Roter Beete – aussen eine dünne Rote Beete Scheibe, unten Rindstatar, dann gegarte rote Beete sowie oben dann geeiste Senfkügelchen. Sehr fein, das ausgezeichnete Tartar gut harmonierend mit den erdigen Aromen der roten Beete; wunderbar ergänzt durch die Schärfe der Senfkügelchen, welche sich beim Schmelzen im Mund Schritt für Schritt entwickelt.

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0.e Gaenselebereis

Eine Nocken Gänselebereis, am Teller begleitet von einer Maisespuma sowie roten Würfelchen aus Barbecue Sauce sowie einem warmen Sellerie-„Brikett“. Die Maisespuma erdet die Gänseleber, die anderen BBQ Elemente bringen kreativ eine weitere Geschmackskomponente ins Spiel – feine Kombination.

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1. Carpaccio vom Kaisergranat

2009er Durbacher Kochberg Scheirebe Sptlese Trocken, Baden

Der Kaisergranat, als Tartar kreisrund und in dickerer Schicht am Teller. Dazu die leicht bitteren Aromen der Grapefruit, Hibiskuscreme sowie kleine gefrorene Kügelchen von Rosen-Creme Fraiche. Wunderbare texturelle Ergänzung kleine geröstete Nuss-Stücken. So wirkt das Tatar mit immer wieder unterschiedlichen Elementen auf immer neue Art und Weise. Dazu noch ein Sake/Litschigelee. Gelungen.

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2. Gegrillte Jakobsmuschel, Calamar & Hamachi

2008er Vouvray, Demi-Sec-, Domaine du Cloe Naudin / Loire

Wunderschön am Teller angerichtet Stücke von butterzartem gegarten Calamar, von erstklassiger gegrillter Jakobsmuschel sowie diversen weiteren Begleitern wie rohem Hamachi, Krabben und „Sand“ vom Strand. Das Meer grüsst auf ansprechende Art und Weise.

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3. Wolfsbarsch und Aal „Unagi“

2007er Aulerde Riesling, Wittmann / Rheinhessen

Der Wolfsbarsch auf einem der beiden Teller zu trocken, am anderen fast noch roh, hier hat etwas nicht so geklappt wie es sollte. Doch die Aufmerksamkeit gilt ohnedies sehr schnell dem kleinen, unscheinbaren Stück Aal „Unagi“, welches wunderbar intensiv den Teller dominiert und im Mund eine wahre Geschmacksexplosion ist. Unagi bezeichnet eine japanische Zubereitungsart, bei welcher der Aal zunächst gegrillt wird, dann mariniert und danach nochmals gegrillt wird. Verschiedene zusätzliche Elemente wie ein Schaum, eine Art Sauce Hollandaise, ein japanisches Essig Gel etc., doch bis auf die Hollandaise mit der Kraft des Aals nur schwer mithaltend.

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4. Perigord-Trüffel

2008er November Rain, Ewald Zweytick / Steiermark

Ein bei Niedertemperatur gegartes Eigelb (sehr festwachsig), dazu gehobelter Trüffel und Gelee. Dazu weitere Elemente wie erneut das Sellerie „Brikett“ (hatten wir doch schon mal), Tapioka-Kügelchen mit Parmesan aromatisiert, Kartoffelschaum, Birnenstückchen und mehr. Der Trüffel wirkte matschig auf uns und liess Intensität vermissen, das ganze Gericht sehr wenig lebendig (Salz?) und in Summe für uns nicht so überzeugend.

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5. Gebratene Bio-Gänseleber „Berliner Art“

2006er Vin Santo del Chianti Classico, Antinori / Toskana

Ein Stück gebratene Bio-Gänseleber, welche nur wenig Schmelz zeigte, ja schon fast neben cremig auch bröckelig war. Davor für’s Auge eine Apfelscheibe aus einer Art Baisermasse – optisch zweifelsohne ein Hingucker. Vorne ein Apfelmoussestreifen mit einem Hauch Vanille, dazu eine Zwiebelcreme und weitere Elemente mit Anis, Sandkorn und Navetten-Geschmack. Ausgezeichnet dazu die in einem separaten Glas gereichte Gänseconsommé.

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6. Rücken, Filet, Haxe, Bauch & Schulter vom Limousin-Lamm

2008er Gevrey-Chambertin „En Champs“, Domaine Geantet Pansict / Burgund

Rücken und Filet am grossen Teller, gute Qualität und Zubereitung. Das ganze ergänzt mit einem „de-konstruierten griechischem Salat“, der lange Steifen vorne eine Zwiebelcreme, Olivenkrümmel, Gurkengel, Feta-Schaum – wunderbar, wie sich dann im Mund immer wieder andere Variationen des Themas griechischer Salat ergeben!

In separatem kleineren Teller dann Bries (ok), geschmorter Haxen und Bauch (toll) vom Lamm.

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7. Nantaiser Ente l’Orange

2007er Chateauneuf-du-Pape Domaine de Villeneuve

Wie beim Wolfsbarsch vermissten wir hier die Präzession, die Ente schien uns zu Trocken. Dazu ein Säckchen / eine Art Wantan mit geschmorter Keule von der Ente – ausgezeichnet. Weitere Elemente waren ein Gel von der Orange, ein Kokosgel (überraschende, aber wunderbare Ergänzung zu Ente l’Orange), Kürbis in verschiedenen Zubereitungsarten, eine Spitzkohlroulade, Ingwer und ein Duftreis-Gateau.

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8. Weisser Schokoladenschaum

2009er Steinbuckel Riesling Auslese, Philipp Kuhn / Pfalz

Der weisse Schokoladenschaum (hinten im separatem Gefäss) wurde am grossen Teller begleitet von frischen und gefriergetrockneten Himbeeren, Eis, Pistazienbisquit und mehr. Wohlschmeckend.

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9. „Weihnachtsmarkt“

Sun-Dried Shiraz, Dutschke / Australien

In der Präsentation wirklich beeindruckend! (am Bild ist der Apfel leider schon angeknabbert) Zu oberst ein Apfel aus hauchdünnem Zucker, innen ein Apfelschaum. Dazu vorschiedene schokoladige Elemente mit unterschiedlichen Texturen / Temperaturen / Zubereitungsarten. Auch nach Weihnachten ein wirklich toller weihnachtlicher Menü-Höhepunkt!

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10. Dessert

10.a Pina Colada, Kokos, Ananas

Das erste von zwei zusätzlichen Mini-Desserts.

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10.b Karamell, Kondensmilicheis, Tonkabohnen-Lolli

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Negativ fiel uns der dazu gereichte Espresso auf, welcher zu Beginn untrinkbar heiss war und vor sich hin dampfte. Auch optisch erkennbar und sollte so nicht den Tisch des Gastes erreichen.

Das Finanzielle:

Das 9-gängige Menü mit Weinbegleitung und Champagner vorab / Wasser kommt auf knapp EUR 700, was für das gebotene noch angemessen scheint.

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Unser Küchenreise Rating:

In Summe ein sehr angenehmer Abend, welcher diverse kulinarisch Highlights aufwies, aber manchmal aber in Details auch enttäuschte. Die nüchterne und manchmal etwas angespannt wirkende Atmosphäre (nicht wegen des Hundes) und der Blick in die winterliche Dunkelheit anstatt dem Lichtspiel der Sonne am Meer waren auch kleine Minus-Punkte auf hohem Niveau. Kulinarisch sind wir auf die weitere Entwicklung des Restaurants gespannt und spüren die Ambitionen der Küche – ein schöner Sommerabend sollte dann den Rahmen für einen erneuten Besuch bieten!

4 – Gerne wieder
(1 – sicher nicht wieder, 2 – kaum wieder, 3 – wenn es sich ergibt wieder, 4 – gerne wieder, 5 – unbedingt wieder)

Blogroll – das schreiben andere:

Restaurant Belle Epoque
Columbia Hotel Casino Travemünde
Kaiserallee 2
D-23570 Lübeck-Travemünde

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