Alles nur ein Hype? Astrid & Gastón, Bogotá, CL [GASTARTIKEL]

| August 21, 2016 | 0 Comments
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On August 21, 2016
Last modified:Mai 6, 2017

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KULINARIK IN SÜDAMERIKA, DEM UNERFORSCHTEN KONTINENT

Einzig in Rio und Sao Paulo gibt es Sternerestaurants in Südamerika. Sonst ist der Guide ist noch nicht angekommen in den Ländern wo das Fleisch noch von wilden, glücklichen Kühen stammt und der Kaffee und die Schokolade nicht aus dem Flugzeug kommen.

Die Astrid & Gaston – Restaurants haben also keine Chance auf einen Stern, weder das ursprüngliche Restaurant in Lima, Peru, noch dasjenige, welches wir besucht haben in Bogotà, Kolumbien. Auf anderen Listen dagegen findet man diese wie auch die verschiedenen Filialen (in ganz Südamerika und inzwischen auch in den USA und in Europa) jedoch regelmäßig an der Spitze. Bei den World Best 50 Restaurants rangiert das Stammhaus in Lima gar auf Platz 14 ganz vorne dabei!

Die namensgebenden Peruaner Astrid Gutsche und Gastón Acurio sind als Gründer vielerlei gastronomischen Initiativen bekannt, doch längst nicht mehr überall persönlich involviert. Und so hört man, das Niveau soll nicht mehr das gleich sein wie früher… Uns interessiert, was an diesen Gerüch(t)en dran ist, und so reservieren wir vor Ort in Bogotà problemlos und spontan für vier.

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Unser Dinner im Restaurant Astrid & Gastón in Bogotá

Chefkoch des Restaurants in Lima war Diego Muñoz. Er hat das 1994 gegründete Restaurant vom 42. hoch zum 14. Platz auf der San Pellegrino’s World’s 50 Best Restaurants geführt und die Küchenlinie aller Niederlassungen geprägt.

Doch  Anfang 2016 hat er sich verabschiedet: Er gehe jetzt auf eine Weltreise und will Lima, Panama City, Miami, Oslo, Wien, Zürich, Moskau, Macau und Marokko besuchen. Vielleicht treffen wir ihn ja irgendwo am Wegesrand wieder. Heute aber sind wir in Kolumbien, diesem rundherum faszinierenden Land mit einer schmerzhaften Vergangenheit, welches sich stolz aufgerappelt hat.

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Das Restaurant befindet sich in einem für Bogotà üblichen Backsteinbau mit hübschem Innenhof und netter Terrasse.

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Wir fangen an mit ein paar Cocteles: Einem Gin&Tonic mit Gurke, der tatsächlich weltweit sein Revival feiert (den wir aber immer schon mochten) und einem Pisco Sour, der klassischen Cocktail-Variante mit chilenischen Schnaps.

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Zum Amuse Gueule erhalten wir Brot, handgemachte Grissini (herrlich knusprig und salzig) und zwei Sorten Madeleines. Die Gelben, die ‚Amarillos‘, sind luftig und schmecken gut mit der Butter und dem Chimichurro, jener allgegenwärtigen Sauce in Südamerika, welche zwar immer Grün ist, doch je nach zutaten von scharf und rauchig bis zwiebelig und sanft schmecken kann. Die Blauen aus blue corn, einer blauen Maissorte aus Südamerika, die blauen dagegen haben einen etwas seltsamen Nachgeschmack. (5/10)

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Die Vorspeisen kommen an den Tisch: Sehr hübsch anzuschauen die Scampi mit Sauce (Prawns from the North traveling to the South), angerichtet in der kleinen Bratpfanne. Leider schmeckt die eine Meeresfrucht gar nicht, die andere ist okay. Besser sogar, saftig, süß und herzhaft, und nicht trocken. (5/10)
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Der zweite Meerfrüchtegang hat dann als Plus viel Koriander, und ist technisch auch völlig in Ordnung: in Rinderbrühe, gekochte und scharf angebratene Jakobsmuscheln, dazu Pilzen und chalaquita. Vom Schaum merken wir geschmacklich zu wenig, um ihn bewerten zu können.  Aber die Speise ist reichlich und solide, wenn auch überraschungsfrei. (6/10)
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Auch bei der dritten Vorspeise sagt das übergestülpte Schaum-Häufchen nicht wirklich etwas aus, und die Darbietung der Speise ist eher grob. Aber der Krebs überrascht mit einer gewaltigen Geschmacksstärke und dazu gibt es eine überaus eleganten Algensauce, die ihn mit den hausgemachten Fettuccini verbindet: Ein Genuss, die Blue Crab from Buenaventura. (6+/10)
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Als großen Überraschung entpuppt sich dann der schweinische Vorspeisenteller: Careta de cochinillo Pekín, die Maske vom Spanferkel ‚Peking-Stlye‘ ist wunderbar weiches, aromatisches Pökelfleisch auf knuspriger Haut mit blauen Mais-Chips, Kastanien, rohen Zwiebeln und einer leichten Crème von sauren Früchten. Kein Wunder, dass das ein Klassiker des Hauses ist. Kauen ist erlaubt, und trotzdem schmelzen die Elemente auf der Zunge dahin: eine gelungene Kombination! (7/10)
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Zur Begleitung der Hauptgänge ordern wir einen Malbec Reserva vom Ende der Welt, und sind glücklich damit. Ein stringenter Wein, mit der Stärke des Zipfels des Kontinents und doch nicht ohne blumige Noten.
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Obwohl wir uns in der fleischigsten Ecke der Welt befinden lächelt uns von der Karte das Andean Curry an, Gemüse und Früchte in einer peruanischen Currysauce, und dazu Quinoa als Beilage. Die Portion ist reichlich wie alle Speisen bei Astrid & Gaston, das Curry ist gleichzeitig sämig, süss und scharf, und es erinnert an die japanischen Varianten der Speise. Die frittierten Bananenstücke machen das Ganze dann leider zu schwer. Diese Beilage bräuchte es nicht – weniger wäre hier mehr gewesen. (6/10)

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Auch aus den Anden soll das Lamm kommen, das stehend auf dem Teller am Knochen serviert wird. In einer Reduktion von sieben Kräutern, mit Kroketten und mit einem Yucca-Koriander-Schaum ist es angerichtet. Das Fleisch ist weich und leider etwas trocken geraten, die Beilagen sind simpel, doch schmackhaft, sie sind einfach zubereitet, doch gut. Und – das Auge isst ja bekanntlich mit – die Präsentation auf den erdfarbigen Tellern sieht angenehm aus. (7+/10) 
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Die zweite Fleisch-Hauptspeise ist dann seltsam asymmetrisch angerichtet. Wie wir den Teller auch drehen und wenden, es gelingt uns kein gutes Bild davon und wir sind ja auch nicht zum fotografieren da. Das Milchzicklein auf Kräutersauce wird begleitet von viel zu dominanten Pilzen. Doch das Fleisch schmeckt zart und aromatisch, und das ist gut so. (6/10)
 
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Bei diesen großen Portionen können wir uns nicht für eine Nachspeise entscheiden und so wählen einfach die ‚grosse Degustation‘. Die hübsch angerichtete Platte hat ein paar wahre Leckerbissen, doch in Summe viel zu viel Zucker. Die Anis-Donuts sind zäh und haben statt des feinen Hauchs dieses speziellen Gewürzes nur einen seltsamen Beigeschmack. Der Mango-Schaum ist dafür sprudelnd-süß, doch genau richtig und interessant. Die Sorbets sind frisch und lecker, die Crème Brûlée dann wieder zu sämig und viel zu süß.

Unser Küchenreise-Rating

Wir bezahlten fast eine Million! kolumbianische Pesos, das entspricht circa 300 Euro für vier Personen, mit Drinks und Wein. Das Ambiente ist angenehm, eine gute Mischung von locker und korrekt, der Service ist aufmerksam, die Karte vielfältig und nicht ohne Humor, die Absicht ist gut.

Leider ist dann die Qualität der Speisen uneinheitlich: Vieles ist zwar gefällig, doch oft dann doch nicht so umgesetzt, wie wir uns das gewünscht und erhofft hätten. Vielleicht ist ja etwas dran am „Es ist nicht mehr so wie früher“? Das Konzept ist interessant – gerne hätten wir das „früher“ kennengelernt.

Würden wir bei einer Reise nach Südamerika grosse Umwege in Kauf nehmen, um das Astrid & Gastón zu besuchen, vielleicht sogar eine Reise aus dem fernen Europa dorthin planen? Nein. Ein erneuter Besuch wird sich bestenfalls nur dann ergeben, wenn es direkt am Weg liegt.

 

Restaurant Astrid & Gastón, Bogotá (Kolumbien)

Bewertung Essen (?): / 10
Küchenreise-Rating (?): 2 – kaum wieder
Guide Michelin:
Gault Millau:
Gusto:
Küchenchef: Francisco Rodríguez
Adresse: Carrera 7 N° 67-64,
Bogotá – Colombia
Telefon: +(571) 211-1400
Web: astridygastonbogota.com
Kosten (Rechnung): ca. 300 EUR (4 Personen)
Angekündigter Besuch (?): Nein
Einladung (?): Nein
Extras (?): Nein
Alle Bewertungen beziehen sich auf den Zeitpunkt des Besuches. Unsere Wertungen reflektieren einzig unsere persönliche Meinung.

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Category: Fine Dining, International, Südamerika

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