Noch nicht angekommen: L’O, Horgen bei Zürich (CH)

| Mai 14, 2017 | 0 Comments
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On Mai 14, 2017
Last modified:Mai 21, 2017

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Captain, die Sterneküche ist gelandet, was sollen wir tun?

Gewiss, Christian Geisler kann sehr gut kochen, seine Speisen sind definitiv einen Besuch im Restaurant L’O wert. Doch ein streckenweise konfus agierender Service, eine laute Atmosphäre und eine verblüffend hohe Rechnung begeistern mich weniger. Es wirkt, als sei die neue Küchenlinie im Restaurantkonzept noch nicht angekommen. 

Der 33-jährige Österreicher Christian Geisler kocht seit 21. April und für ein Jahr im Restaurant L’O, welches wunderschön in Horgen bei Zürich liegt, direkt am Ufer des Zürisees.

Der Salzburger ist kein unbeschriebenes Blatt: Stationen im Hangar 7 in Salzburg, Sous Chef im damals mit zwei Sternen ausgezeichneten Mesa, Stages u.a. im Alinea in Chicago. Danach Chef im Heimberg in Zermatt und im Kunsthof in Uznach (Lies auch: Neues und alte Bekannte); jeweils vom Guide Michelin mit einem Stern ausgezeichnet.

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Das L’O wiederum (Lies auch: Seeblick), übrigens auch mit eigenem Bootssteg erreichbar, gefiel in der Vergangenheit durch grossartige Lage und durch nette Speisen, welche jedoch keinen gehobenen Gourmetanspruch anstrebten. Es scheint, dass kürzlich renoviert wurde, der Restaurant-Pachtvertrag jedoch in einem Jahr abläuft, und so gibt Christian Geisler dort begrenzt für 12 Monate ein „Gastspiel“.

Die Basis – Aufsteiger des Jahres 2015 im Gault Millau, 17 Punkte Gault Millau, 1 Stern Guide Michelin“, wirbt der Website und kündigt eine Küche an, welche „elegant, puristisch, innovativ und modern“ ist. Und dazu soll es einen unkomplizierten Service, einen modernen Auftritt, ausgesuchte Weine und einen jungen DJ Sound geben. Definitiv ein Grund, dem Restaurant knapp 3 Wochen nach der Eröffnung einen Besuch abzustatten.

Unser Essen im Restaurant L’O in Horgen

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Der erste Eindruck beim Betreten des Restaurants: Viel Personal hektisch hin und her laufend, draussen werden gerade für eine grössere Gruppe Getränke gebracht. Leider nimmt niemand Notiz von den neuen Gästen, nur ein Herr meint irgendwann, gleich komme jemand.

Die Strategie des erfahrenen Gastes, sich in einer solchen Situation möglichst ungünstig am Weg Richtung Küche zu platzieren, hilft auch hier nach ein paar Minuten. Der Wunsch, den Apero noch auf der wunderschönen Terrasse einzunehmen wird gerne erfüllt. Einzig schade – „und täglich grüsst das Murmeltier“ – dass sich die Warterei auch beim erneuten Betreten des Gastraumes nach dem Apero wiederholt.

Auf der Menükarte stehen 11 Gänge zur Auswahl, alternativ bietet der Service ein Menü „ab vier Gängen“ an – entweder mit den Gängen wie von der Karte gewählt oder on der Küche zusammengestellt; dazu noch  „mit Überraschungen“. Und der Gang „Manitoba“ (auf Nachfrage erfahre ich, dass dies ein Brotgang ist), sei beim Menü bereits enthalten. Gut, es soll das 4-Gänge Menü mit den Speisen wie auf der Karte ausgewählt sein.

Die Weinkarte wird ganz modern auf einem iPad gebracht. Schade, dass das Display in den dortigen Lichtverhältnissen sehr spiegelt. Schade, dass der Service erst erklären muss, wie man z.B. von den Weissweinen wieder zurück zum Hauptmenü kommen kann. Schade, dass ich mich zuerst durch ein paar Seiten Grossformate wischen muss, um die Standardflaschen zu finden. Nicht sehr user-friendy.

Auch ist es am Tisch sehr laut, die Akustik ist schleckt; und durch das Stimmengemurmel wird von der Musik begleitet. Nicht sehr gesprächs-friendly.

Grüsse aus der Küche

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Umso erfrischender dann die Grüsse aus der Küche: Ein Tafelspitz mit Kürbiskernöl in einer Joghurtsphäre mit Radieschen überzeugt mit Geschmack und prononcierter Säure.

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Der Cracker mit einer Art Entenleber-Schnee und Birne ist von der Anlage gut, leider ist der Cracker selbst zu süss und im Mund klebrig.

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Vorzüglich dann das tolle Basilikumsorbet, welches ich mit einem Messer auf den Polentacracker streiche und gemeinsam geniesse.

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Auch das Brötchen aus Manitoba-Mehl mit einem grossartigen Zwiebel-Lorbeer-Aufstrich mundet sehr fein. (In Summe 6+/10)

Saibling – Dill – Rettich

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Die Grundidee des ersten Ganges schien mir bereits aus dem Kunsthof bekannt, schön den Gang hier auf ähnliche Weise wiederessen zu dürfen. Toll der Saibling, die Dillvinaigrette dazu überzeugt mit schönem Dillgeschmack und toller, lebendiger Säure. Der Rettich gibt Frische und einen Hauch Schärfe, die Fischhaut eine knackige (doch zu feste) texturelle Ergänzung. Ein schöner Einstieg! (7+/10)

Stubenkücken – Erbse – Sanddorn

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Zart und geschmacklich gut dann am nächsten Teller das Stübenküken, die krosse Haut eine schöne Ergänzung. Fein auch Erbse und Erbsencreme, grossartig die Rote-Beete Röllchen, welche einen feinen Knack wie auch rohe und gekochte Noten aufwiesen und das Gericht komplexer und lebendiger werden liessen. (7/10)

Rind – Bergkartoffel – Olive

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Gut, doch nicht ganz so überzeugend wie die vorherigen Gänge dann das Rind. Das grosse Stück Fleisch gefällt mir zwar geschmacklich, doch es ist recht fest.

Beim Schreiben dieser Zeilen kann ich mich auch nicht mehr an die auf der Karte aufgeführten Oliven erinnern, annonciert wurde das Gericht mit Sellerie, einem Bergkartoffelpüree und einer Speckvinaigrette mit Granatapfel und Senfkorn. Das Püree überzeugt mit schönem Kartoffelgeschmack, die Vinaigrette wirkt ein wenig over the top, die krossen Elemente am Teller sind recht splittrig-scharf. (6/10)

Karamell – Rucola – Apfel

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Sehr gelungen dann das Dessert mit Rucola, Apfel und Karamell. Hier steht nicht wie bei ähnlichen Gerichten oft eine sehr intensive Granny Smith-Säure im Vordergrund, sondern es ist alles fein abgestimmt und wunderbar ausgewogen! (7/10)

Petit Fours

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Zum Kaffee folgen dann mit kleiner Verspätung die Petit Fours, je ein minimalistisches Stück Nusskuchen.

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Schliesslich, beim Bestellen der Rechnung erhalte ich dann noch als gelungen Kleinigkeit ein, wenn ich mich richtig erinnere, Sorbet mit Minzegeschmack.

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Der Menüpreis auf der Rechnung ist dann, wie ich erst später feststelle, für mich nicht ganz nachvollziehbar. Addiere ich die à la Carte Preise der Gerichte (27+21+45+18), so ergibt das CHF 111, selbst wenn ich den „beim Menü inklusive“ Brotgang hinzufüge, nur CHF 118.

Der Preis für das 4-gängige Menü beträgt CHF 140, das sind CHF 29 (bzw. CHF 22) mehr als die einzelnen Gerichte. Wenn dem wirklich so ist, sollte bei der Bestellung klar darauf hingewiesen werden!

Unser Küchenreise-Rating

Die Küche des L’O unter Leitung von Christian Geisler gefällt auch schon drei Wochen nach der Eröffnung, der Chef baut auf seinen bewährten Stärken auf und wird über die nächsten Wochen und Monate sicherlich wieder auch den letzten Schliff zum mit einem Guide Michelin Stern ausgezeichneten Kunsthof-Niveau finden. Doch die Küche wirkt im Restaurant-Konzept noch nicht angekommen. 

Mich beschleicht immer wieder das Gefühl wie „Captain, die Sterneküche ist gelandet, was sollen wir bloss tun“? Der Service (mit ein oder zwei tollen und souveränen Ausnahmen) wirkt unorganisiert und agiert immer wieder am Gast vorbei. Die Kommunikation zum neuen Konzept weckt am Website hohe Erwartungen. Am Tisch wird es aber eher verschämt präsentiert; vielleicht auch um die bestehende Kundschaft nicht zu verschrecken.

Und die Gäste an den Nachbartischen scheinen, folgen wir den Gesprächsfetzen, auch wegen des „alten“ L’Os oder im Unwissen der neuen Küchenlinie gekommen zu sein. Einen solchen Übergang zu managen ist sicher nicht leicht, fordert aber klare Kommunikation.

Die Lässigkeit im Restaurant ist schon gut, Casual Dining ein begrüssenswerter Trend. Im L’O wird daher auf Tischtücher verzichtet, schade jedoch, dass die Tischoberfläche im Lederlook an das vergangene Jahrtausend erinnert. Auch die eher schweren und dickwandigen, zum gewählten Wein gebrachten Gläser scheinen nicht ganz zur Preiskategorie der angebotenen Flaschen zu passen. Die Musik im Hintergrund verstärkt die schlechte Akustik.

All dies schien zumindest vor einigen Jahren im alten L’O deutlich besser zu funktionieren und – mit weniger hohen kulinarischen Ambitionen . besser zusammenzupassen. Die Küche von Christian Geisler ist jetzt eine Dimension besser, das allein rechtfertigt einen erneuten Besuch. Doch das Konzept im Restaurant wirkt nicht klar (Die alten Gäste behalten? Neue Gäste anziehen?) und läuft auch noch nicht so richtig rund. Ich wünsche mir, dass das L’O bald ankommt und seine Gäste mit einem perfekten und schlüssigem Konzept überzeugen kann!

 

Restaurant Christian Geisler powered by L’O, Horgen (CH)

Bewertung Essen (?): 7 / 10
Küchenreise-Rating (?): 3 – wenn es sich ergibt wieder
Guide Michelin: n/a
Gault Millau: n/a
Gusto:
Küchenchef: Christian Geisler
Adresse: Bahnhofstrasse 29 CH-8810 Horgen
Telefon: +41-44-725 25 25
Web: lo-horgen.ch
Kosten: Menü 4 Gänge: CHF 140
Angekündigter Besuch (?): Nein
Einladung (?): Nein
Extras (?): Nein
Alle Bewertungen beziehen sich auf den Zeitpunkt des Besuches. Unsere Wertungen reflektieren einzig unsere persönliche Meinung.

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Category: Fine Dining, Schweiz

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