Spätestens als der Guide Michelin in Litauen Einzug hielt und im Sommer 2024 das Nineteen18 mit einem Stern auszeichnete, wusste es jeder. Dies ist das Restaurant mit den Ameisen im Dessert. Die Bilder des Signature Dishes gingen in Pressemeldungen und Blogs um die Welt.
Und womit das Noma geschockt hat, das wird doch auch für das Nineteen18 die Aufmerksamkeit der Foodies anziehen! Gewiss, das ist gelungen. Doch die Ameise kann zu einem Fluch werden.
Der Fluch der Ameise – an die kleinen Krabbeltiere dachte ich also, als ich im Zentrum von Vilnius durch die schön renovierte Senator’s Passage mit vielerlei Restaurants, Bars und kleinen Geschäften zum Restaurant spazierte Die Meinungen im Vorfeld waren gespalten, von „niemals, mich bekommt das Nineteen18 nicht zu Gesicht“ bis zu „muss man mal probieren!“.
Gegessen habe ich dann gezählte drei in den Kälte-Tiefschlaf versetzte Stück, und das in vielleicht zwei Minuten. Meine Meinung dazu weiter unten. Vieles war an diesem Abend grossartig, manches war auch nur ok. Die Ameise war nur ein Nebendarsteller. Entkommen wir daher dem Marketing-Fluch der Ameise und tauchen ein in die kulinarische Welt vom Chef Andrius Kubilius.

Über eine Stiege, hohe Kerzen auf beiden Seiten geben ein warmes Licht, geht es in den ersten Stock des beeindruckenden Altbaus. Ich werde freundlich begrüsst und nehme am Chef’s Table mit Blick in die grosse Küche Platz. Einfach mal entspannen, allzu viele Entscheidungen muss der Gast hier nicht treffen: Das Menü mit 10 Gängen (EUR 94) ist gegeben. Dazu wird auch eine reguläre (EUR 69) und eine Premium (EUR 107) Weinbegleitung angeboten.
Und schon wird mir die erste Kleinigkeit an den Tresen gestellt: Eine Auster mit 5 Jahre fermentierter Soyasauce eröffnet diesen Abend. Leider wurde beim Öffnen unsauber gearbeitet, es befinden sich noch ein paar harten Schalenkrümmeln darin.

Das Nineteen18 hat ein Farm-to-Table Konzept, bezieht viele der verwendeten Produkte von der eigenen Farm, oder von lokalen Produzenten. Da bietet es sich an, dem Gast eine frühlingshafte Produktdemonstration von ebenjener Farm zu offerieren: Kleine Stücke von Frühlingsgemüsen, pur oder eingelegt, werden auf einem Teller gebracht. Das mag simpel anmuten, doch es schmeckt ganz einfach gut!

Ich beobachte vom Tresen das Treiben in der Küche: konzentriert und schnell, doch ohne übermässige Hektik, wenn gerade zügig viele Gerichte rausgehen müssen, dann wieder entspannter in einem Moment der Ruhe oder der Ruhe vor dem Sturm.

Die Menükarte ist eine Serie Ein-Wort „Andeutungen“ (Naturlich auch ein Gericht mit dem Namen „Ants“ – der Fluch der Ameise lässt grüssen). „Hello“ eröffent das eigentliche Menü.
Optisch wirkt das ganze wie ein Dessert, ist es natürlich aber nicht. Die Zutaten der rechten Seite habe ich mir nicht notiert und das Resultat am Teller hat mich auch nicht begeistert. Auf der linken Seite ein Macaron mit Blaubeere und Foie Gras – das ist doch ein schmackhaftes Hallo!

Ich lasse meine Blicke durch den grossen Raum schweifen: Ein Altbau mit Decke, wunderschön renoviert und hell durch die grossen Fenstern. Dunkelbraunes Parket, skandinavisch anmutende Holztische, eine Bibliothek und Bar an der Wand. ‚Posh‘, aber nicht übertreiben elegant.
Und die Stimmung fühlt sich gut an hier: An einem Tisch die bekannte litauische Fernsehmoderatorin, welche den Abend in geselliger Runde geniesst. Ein älteres Ehepaar, zwischen den Gängen immer wieder gemeinsam am iPhone Bilder anschauend – ob es jene der Enkel waren? Ein jüngeres Pärchen am flirten – vielleicht ein Date?
Alle scheinen sich hier wohlzufühlen, die Gläser klirren, immer wieder schallt ein Lachen durch den Raum.

Nun wird mir Brot und Butter gebracht, das Brot vom Bäcker im gleichen Häuserblock, die Butter jedem Morgen im Restaurant frisch zubereitet und mit ein paar Flocken Maldon-Salz bestreut. Ich geniesse und betrachte das fokussierte Treiben in der Küche.


Weiter geht es mit einem Tatar. Mit Fettadern durchwachsenes Fleisch mit ein wenig Eidotter und Kaviar, das stellt den intensiven Fleischgeschmack in den Vordergrund und ist ganz wunderbar.

Doch nun – keine Ameisen, sondern ein Taco. Verstörend in einem auf die Litauische Küche fokussiertem Restaurant? Nein, denn es gibt eine Geschichte dazu.
Das heute kleine baltische Land (einstmals eine Zeit lang in der polnisch-litauischen Union das grösste in Europa) war in den 30er und 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts immer wieder von vielen Seiten bedroht. Viele verliessen das Land, unter anderem nach Argentinien, und dies schien auch ein guter Platz für eine Exilregierung. Ein anderer Plan war, in Madagaskar Land zu kaufen und die Bevölkerung dorthin zu übersiedeln. Wenn dies geschehen wäre, wie würde die litauische Küche wohl heute aussehen?
Oder wie, wenn die Litauer heute in Mexiko leben würden? Das Land schien der Küchenchrew noch interessanter, und sie haben eine Art litauischen Taco mit roter Beete, geräuchertem Aal und Apfel (eine lokale Sorte) kreiert. Die Kombination aus Frische, Erdigkeit und Räucheraromen lässt mich spontan beschliessen, dass ich – falls die Litauer der Kälte entfliehen mal doch nach Mexiko ziehen – ich Leute und Restaurants auch dort besuchen würde.
Ein Samagon, ein „selbstgebrannter“, wird mir nun aus einer grossen Flasche eingeschenkt. Und das Plüsch-Einhorn, es soll hier entgegen aller gewerkschaftlichen Regeln einen 24-Stunden-Job als Barkeeper und Gästeunterhalter haben, findet sich dazu am Tresen ein, lächelt mich an. Eine Wette wurde gewonnen, einen Einhorn-Skulptur in der Passage versprochen, doch diese liess auf sich warten. Als Überbrückung dient das rosa Plüscheinhorn, und es ist verbürgt, dass dieses – im Samagon liegt die Wahrheit, sofern man eine ausreichende grosse Menge konsumiert – auch sprechen kann.


Doch zurück zum kulinarischen: ist das ein Burger? Nein, es ist ein Bagel. Denn – wir sind in einem lokal fokussierten Restaurant – der Bagel wurde im 13. Jahrhundert erstmals erwähnt, und zwar in Vilnlus.
Das Exemplar vor mir ist gerade erst zubereitet worden, leider ist das Fleisch auf der eher festen und fasrigen Seite.

Skryliai ist eine traditionelle litauische Pastasorte, hier ansprechend kombiniert mit einer Petersilienemulsion, Bärlauch, gebratenen Zwiebeln und einer Steinpilzsauce.

Vor dem Hauptgang dann ein Eis von der schwarzen Johannisbeere.

Dann im Hauptgang: Alte Mllchkuh, wunderbar zart und mit intensivem Fleischgeschmack, kombinert mit einer Sauce aus reduzierter Hühnerrbrühe, das ist ein tolles Geschmackserlebnis, das ist puristisch-grossartig!


Ist der Fluch der Ameise ob der vielen anderen interessanten Gerichte schon vergessen? Nun ist es Zeit für den mediale Aufmerksamkeit erzeugenden Signature Dish.
Wenn ich den service richtig verstanden habe, ist die Basis ein Lindenblüteneis, dazu eine gebranntem Sirup aus Birkensaft und gekühlten Ameisen. Das schmeckt nach Wald, erdig und sehr Fein, und die Insekten geben nicht nur etwas Biss, sondern auch zitronige Säurespitzen.



In meiner Erinnerung folgt nun ein Gericht aus Rhabarber und Erdbeeren auf knackigen Kecksstücken und einer Cheesecake-Creme: das Pumpkin-Gericht, welches auf der Karte steht, ist wohl nicht rechtzeitig upgedated worden.

Ein kulinarisch interesanter Abend findet seinen Abschluss mit Spurgos, einem kleinen litauischen Donut, darüber Karamellsauce, köstlich!
Noch ein kurzer Blick auf das ansprechende Wine Pairing Premium:
- Arlaux Rose Brut, Champagne / FR
(0.75l Retail Preis ca. EUR 60) - 2015 Clemens Busch Marienburg Rothenpfad GG, Mosel / DE
(0.75l Retail Preis ca. EUR 45) - 2022 Domaine Vocoret & Fils 1er Cru Les Vaillons Chablis, Bourgone / FR
(0.75l Retail Preis ca. EUR 35) - 2009 La Spinetta Sezzana Riserva, Toskana / IT
(0.75l Retail Preis ca. EUR 65) - 2018 Matthias Hager Zweigelt Eiswein, Kamptal / AT
(0.375l Retail Preis ca. EUR 25)

Zurück zum Fluch der Ameise: der Signature Dish mit Ameisen zieht mediale Aufmerksamkeit auf sich, eine Marketing-Strategie, mit welcher man sich von anderen Sternerestaurants in Litauen unterscheiden kann. Doch zu kurz kommt, dass das Nineteen18 viel mehr zu bieten hat als nur Ameisen. Kurzfristig ein Segen, langfristig – wenn sich das Restaurant in der Wahrnehmung der Gäste nicht unabhängig von den Ameisen stark positioniert – vielleicht ein Fluch.
Das Nineteen18 hat mir mit toller Atmosphäre und grossartigem Service in wunderschönen Räumlichkeiten gefallen. Das Essen, mit manchen Hohen, aber für mich auch kleineren Tiefen, hat Spass gemacht, die Küche gefällt durch eine lokale, puristische, die Produktqualität in den Vordergrund stellende Küche.
Das Küchenreise Rating
Die Küche von Andrius Kubilius ist puristisch und produktorientiert, mit einem ‚Farm-to-Table‘ Konzept im Hintergrund und vorwiegend mit lokalen Zutaten. Das alles lässt sich im vom vom Guide Michelin mit einem Stern ausgezeichnete Nineteen18 in Vilnius geniessen.
Restaurant Nineteen18 (LT)
| Bewertung Essen (?): | 7 / 10 |
| Küchenreise-Rating (?): | 4 – gerne wieder |
| Guide Michelin: | – |
| Gault Millau: | – |
| Gusto: | – |
| Küchenchef: |
Andrius Kubilius |
| Adresse: |
LT – 01132 Vilnius, Dominikony g. 11 |
| Telefon: | +370 608 08950 |
| Web: | nineteen18.lt |
| Kosten: |
Menü 10 Gange EUR 94, Wine Pairing regular EUR 69 / Wine Pairing Premium EUR 107 |
| Angekündigter Besuch (?): | Nein |
| Einladung (?): | Nein |
| Extras (?): | Nein |
| Alle Bewertungen beziehen sich auf den Zeitpunkt des Besuches. Unsere Wertungen reflektieren einzig unsere persönliche Meinung. | |




