Fine Dining in Berlin um 2010 – das war Aufbruch, das war Verwegenheit, das war Streben nach Neuem. Mutige Gastronomen mit Ideen, risikobereite Banken, neue Medienformate, die darüber berichteten.

Christian Lohse kochte französisch-mondän im Fischers Fritz auf und setzte als erster Zwei-Sterne-Koch der Stadt ab 2007 ein starkes Signal. Die Weinbar Rutz, im selben Jahr mit einem Stern ausgezeichnet, war schon damals sympathisch-lässig und schlicht gut, und wie wir heute wissen, damit erst am Anfang eines bemerkenswerten Weges

In die Edison-Höfe in Mitte pilgerte man zu Daniel Achilles im Reinstoff und verspeiste das Pre-Dessert auf einer Zahnbürste – und war danach trotzdem, oder gerade deshalb, restlos begeistert. Das Horváth demonstrierte eindrücklich, dass österreichische Küche weit mehr sein kann als Schnitzel und Gulasch. Und der Strassenkämpfer Tim Raue entfachte auf kraftvolle Weise die Vielfalt asiatischer Aromen und entwickelte sich rasch zum Liebling der Berliner Society – und bald auch der internationalen Gourmetwelt.

Und dann war da noch das Facil. Im Jahr 2001 im fünften Stock des Mandala Hotels am Potsdamer Platz eröffnet, erkochte sich Michael Kempf mit seinem Team im Jahr 2013 den zweiten Michelin-Stern – und hat ihn seitdem, Jahr für Jahr, ununterbrochen gehalten. Das allein ist in dieser launischen Branche eine Leistung, die Respekt verdient.

Grüsse aus der Küche, Brot

Die Stimmung in der Gastronomie hat sich seither gewandelt. Die einen sprechen von der Krise des Fine Dining, die anderen glänzen mit frischen Ideen und neuen Formaten. Restaurants kommen und gehen — manchmal schneller, als man reservieren kann.

Das Facil hingegen ist einfach da. Seit 25 Jahren.

Als ich nach längerer Abstinenz wieder den Aufzug im Mandala Hotel nehme und die Türen im fünften Stock aufgehen, überkommt mich Vertrautheit. Der lichtdurchflutete Wintergarten, das Bambusgrün, und die souveräne Freundlichkeit des Personals – hier hat man einfach weitergemacht. Konsequent und mit Haltung.

Einzig die Auswahl an offen ausgeschenkten Champagnern schien in den optimistischen 2010ern grösser — heute wird glasweise nur noch das Le Réserve von Billecart-Salmon angeboten.

Die Grüsse aus der Küche sind ansprechend, doch der filigran abgestimmte Papayasalat mit Kokos-Schauem enthält harte Stücke (gefrorene Granatapfelkerne oder Nüsse) – für mich weniger texturell spannend, sondern irritierend. All In – ich entscheide mich für das grosse Gourmet-Menü mit 8 Gängen (EUR 295) und die Weinbegleitung (EUR 134).

Norwegische Jakobsmuschel – Quitte, griechischer Bergtee und rosa Pfeffer

Wein: Sommerbacher Katzenkopf 2014 , Weissburgunder, Johannes Zang (Retail-Preis 0.75l ca. EUR 12)

Rote Meerbrasse „Bordolaiser ARt“ – Mangold und Lardo di Colonnata

Wein: Oppenheimer Sackträger 2022, Riesling 1. Lage, Weingut Gröhl (Retail-Preis 0.75l ca. EUR 27)

Ossetra Auslese von Imperial Caviar Berlin – Kürbis und Piemonteser Haselnuss

Wein: Sommeracher Katzenkopf „Wilm“ 2020 Silvaner Alte Reben, Max Müller (Retail-Preis 0.75l ca. EUR 28)

Nach einer ansprechenden Jakobsmuschel — mit erneut für mich fast störend fest texturierten Elementen im Arrangement (Macadamianuss) — folgte eine vier bis sechs Tage dry-aged Meeräsche, mit Knoblauch und Thymianöl bestrichen und auf der Haut gebraten, begleitet von Mangoldstiften und Lardo di Colonnata. Der für mich überzeugenste der ersten drei Gänge dann die Ossetra-Auslese mit Kürbis und Piemontesischer Haselnuss; das ist filigran, präzise und getragen vom jodigen Schmelz des Kaviars.

Langoustino von den Färören ‚ Vogelbeeren, Karotte und Gelbes Currz

Wein: Lieserer Niederberg Helden 2018, Riesling GG, Schloss Lieser (Retail-Preis 0.75l ca. EUR 35)

Schön dann die Kombination von feiner Süsse und Rauchigkeit des Langoustino, gelungen harmonierend mit Karotte und Vogelbeere in verschiedenen Texturen.

Schlutzkrapfen – Schwarzer Trüffel, Spitzkohl und Edelreizker

Wein: Mauchener Sonnenstück 2023, Grauburgunder 1. Lage, Lämmlin-Schindler (Retail-Preis 0.75l ca. EUR 16)

Carneau Taube aus dem Piemont ‚ Topinambur, Steckrübe und Sonnenblume

Wein: Geverey’Chambertin „La Justice“ 2020, Domaine Seguin (Retail-Preis ca. EUR 40)

Nach einer modernen Variante des Schlutzkrapens mit noch knackigem Sptitzkohl und schwarzem trüffel dann eine geschmacklich wunderbare, innen noch rote Taube aus dem Piemont mit einem ausgezeichnetem Fonds aus den Innereien der Taube. Die Beilagen – Steckrübe und Tominambur – harmonieren dazu.

Confit von der Ente „Domäne Wachter“ – Morcheln, Spargel und Bärlauch

Wein: Barolo „La Morra“ 2018, Renato Corino (Retail-Preis 0.75l ca. EUR 40)

Etwas zwiespältig lässt mich das Confit von der Ente zurück – vieles ist klassig grossartig, die Sauce ist famos, die Gänsekäule wirkt jedoch einen Tick fasrig und der weisse Spargel – auf der eher rohen Seite – ist wohl nicht meine Lieblingskomponente in einem solchen Gericht. Dennoch ein starker Gang!

Grossartig dann das Apfelsorbet mit Fenchel und Yuzu!

Robert Beete – Schokolade, Walnuss, Petersilie

Wein: Oestricher Doosberg 2019, Riesling Auslese, August Eser (Retail-Preis 0.75l ca. EUR 42)

Zum Abschluss dann das Rote Beete Dessert auf zwei Tellern in Kombination mit Schokolade, Walnuss und Petersilie. Im kleinen, hohen Teller karamellisierte Walnüsse mit Petersilieneis und marinierter roter Beete, am grossen Teller ein Schokolade Buisquit mit Walnuss-Praliné, Himbergel , rote Beete Kaviar und einer rote Beete Sphäre. Eine sehr ansprechende Kombination, wenn auch mit molekularem Touch.

Petit Fours und Kaffee

Manche Trends, manche Player der Berliner Fine-Dining-Szene sind längst verschwunden. Andere haben sich transformiert, neu erfunden oder sind zu neuen Höhen aufgestiegen. Das Facil macht etwas anderes: Es bleibt.

Stilistisch kein brutales Lokalmanifest, sondern ein weltoffenes Vielerlei. Die Räume wie immer, das Personal korrekt und angenehm. Man verlässt das Restaurant vielleicht ohne den grossen Wow-Moment — doch manchmal sind es gerade diese stillen Abende der Wiederbegegnung, die länger nachklingen als jede Überraschung.

Das Küchenreise Rating

Verlässliche Zwei-Sterne-Küche in einem der konstantesten Häuser Berlins – weltoffen mit Haltung und ohne zu grosse Überraschungen.

Restaurant Facil, Berlin (DE)

Bewertung Essen (?): 7+ / 10
Küchenreise-Rating (?): 3 – wenn es sich ergibt wieder
Guide Michelin: **
Gault Millau: 18/20 Punkte
Gusto: 10 Pfannen
Küchenchef:

Michael Kempf

Adresse:

DE – 10785 Berlin, Potsdamer Straße 3

Telefon: +49 30 5900 5 1234
Web: facil.de
Kosten:

Menü 5 Gänge EUR 238, 6 Gänge EUR 262, 7 Gänge EUR 284, 8 Gänge EUR 295

Weinbegleitung für 8 Gänge EUR 124

Angekündigter Besuch (?): Nein
Einladung (?): Nein
Extras (?): Nein
Alle Bewertungen beziehen sich auf den Zeitpunkt des Besuches. Unsere Wertungen reflektieren einzig unsere persönliche Meinung.

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