Revolution ist gefährlich, sagt man. Revolution tut weh. Deshalb gibt’s nur selten Gleichbehandlung für Revoluzzer.
Bei Mraz ist alles auf Revolution gepolt: Die Location – zwischen Café Bombay und Istanbul Gross- und Einzelhandel vermutet man keinen Gourmet-Tempel. Die Präsenz in der Öffentlichkeit – der Sohn rockt soziale Medien mit einem Video über Wiener Würstelstände. Die Gerichte – „Almwiese 2050“ blieb in Erinnerung weniger durch die Creme Brûlée mit Erdbeeren, mehr durch die im Heu rundherum drapierten Kotzzsmileys und Zigarettenstummel-Bilder.
Und doch: manchmal müssen Revoluzzer an die Macht! Oder an die zwei Sterne im Guide Michelin. Weil sie trotz aller System- und Guide Michelin-Kritik einfach verdammt gut kochen. Und weil sie so etwas wie einen niederschwelligen Zugang zur Sternegastronomie bieten.
Hierher kommen nicht nur jene mit einer riesigen Hypothek auf ihr Einfamilienhaus, sondern auch jene, welche – viel zu bieder – nie ein Einfamilienhaus besitzen wollen. Und es später dann doch kaufen werden. Aber dann bereuen, dass sie aufgrund der hohen Kreditraten nicht jeden Abend zur kulinarischen Revolution beim Mraz einkehren können.
Im Sommer und bei schönem Wetter isst es sich beim vom Guide Michelin mit zwei Sternen ausgezeichneten Restaurant Mraz am Besten im schönen Innenhof. Damit die Nachtruhe der Nachbarn respektiert wird – auch Revoluzzer sind manchmal pragmatisch – nur bis zum Käsegang.
Angeboten wird ein Menü zu akzeptablen EUR 166, heute sogar minus 0% Aktion. Und, Achtung Revolution, die Weinbegleitung dazu für EUR 99 enthält sogenannte Naturweine. Damit erschreckt man heute niemand mehr so leicht, also gibt es ein grosses „Vorsicht“ als Disclaimer!
Präsentiert werden dann die Zutaten des Abends in einem Einkaufswagen. Die Präsentation eher brutal, die Lebensmittel darauf dafür umso absprechender. Im Sommer kauft und verarbeitet man wohl oft jede Woche einen ganzen Thunfisch „nose to tail“ (ist das eigentlich noch Revolution?), daher auch an diesem Abend einige damit zubereitete Gänge.
Und wie ist es nun so, das Essen? Überzeugend gut. Da gibt es Wohlfühlgerichte wie die „Eispizza“, eine ausgezeichnete Sauerteig-Pizza mit einer Nocke Tomateneis. Stars wie die „Kalte Nudelsuppe“, eine spannende Variation einer Art chinesischen Nudelsuppe. Oder drei Variationen vom Thunfisch, den ‚Tunabauch vom Feuer geküsst‘, ein Cepae und ein Cordon („bleu“) vom Thunfisch.
Nach dem Hauptgang heisst es dann übersiedeln in den Innenraum. Und dort das nächste Highlight, bei Mraz gibt es noch einen toll bestückten Käsewagen? Ist das Revolution? Zurück zum Konservatismus? Egal, es ist einfach gut.
Bei den Desserts dann noch ein wenig Show am Tisch, der Heidelbeersplit wird vor dem Gast finalisiert. Und wer nach der auch für Nicht-Naturweinliebhaber (Gegenrevolution 😉 ) durchaus ansprechenden Weinbegleitung noch Lust auf eine Extraportion Alkohol hat, wird das Richtige am Digestivwagen finden.
Ein schöner Abend geht zu Ende, das Menü gefällt an den Nachbartischen sowohl den Grosseltern wie auch den jugendlichen Gören. Und alle lassen sich von der Stimmung, dem Vibe bei Mraz & Sohn anstecken. Solche Revoluzzer müssen an die Macht!
Das Küchenreise Rating
Revolution gegen die Sterneküche? Nein, bei Markus & Manuel Mraz wird grosse Sterneküche gemacht (** im Guide Michelin). Doch auf eine spielerische, manchmal provizierende Art; mit niederschwelligem Zugang. Auf in die Wiener Vorstadt!
Mraz & Sohn, Wien (A)
Bewertung Essen (?): | 7+ / 10 |
Küchenreise-Rating (?): | 5 – unbedingt wieder |
Guide Michelin: | ** |
Gault Millau: | 18.5 / 20 Punkte |
Gusto: | – |
Küchenchef: | Markus & Manuel Mraz |
Adresse: |
Wallensteinstrasse 59, A-1200 Wien |
Telefon: | +43 1 330 45 9 |
Web: | mrazundsohn.at |
Kosten: |
Menü 7 Gänge EUR 166, Weinbegleitung EUR 99 |
Angekündigter Besuch (?): | Nein |
Einladung (?): | Nein |
Extras (?): | Nein |
Alle Bewertungen beziehen sich auf den Zeitpunkt des Besuches. Unsere Wertungen reflektieren einzig unsere persönliche Meinung. |